more info (also in English) www.muziektheaterdehelling.nl/producties/derhund.html

Download libretto (.pdf)

Download libretto (.wps)

 

Der Hund - Libretto

Otto Weininger    tenor
Hündin I               soprano
Hündin II             mezzo-soprano

 

Scene 1

Otto W. :
Der Tanz ist eine weibliche Bewegung,
und zwar vor allem die Bewegung der Prostitution.
Man wird finden, daß ein Weib
um so lieber, um so besser tanzt,
je mehr es von der Dirne an sich hat.

Hündinnen :
je mehr es von der Dirne,
von der Dirne an sich hat.

Otto W. :
Hiermit hängt ferner der Charakter
des bayerisch-österreichischen Volksstammes,
insbesondere der Wieners, zusammen.
Seine große Neigung zur Tanzmusik
ist kein isolierter Zug seines Wesens,
sondern in diesem tief begründet.

Die Kreisbewegung hebt die Freiheit auf
und ordnet sie einer Gesetzlichkeit unter;
die Wiederholung des nähmlichen
wirkt entweder lächerlich oder unheimlich.
Der Walzer ist die absolut fatalistische Musik;
aber darum zugleich der adäquate musikalische Ausdruck
des Kreisbahns.

Scene 2

Es kam mir der Gedanke,
daß die Tiefsee in einer Beziehung
zum Verbrechen stehen müsse.
und daran glaube ich auch heute
im allgemeinen festhalten zu können.

Die Tiefsee hat keinen Teil am Licht,
dem größten Symbole des höchsten Lebens;
und so muß auch, was den Aufenthalt dort wählt,
lichtscheu, verbrecherisch sein.

(a3)
Die Polypen und Kraken können,
wenn sie Symbole sind,
jedenfalls nur als Symbole von Bösem
betrachtet werden.

Otto W. :
Im laufe des folgenden Sommers und Herbstes
entwickelte sich hieraus immer klarer
der Plan zu einem Unternehmen, von dem ich nur ganz wenige
aus der ungeheuren Zahl der Aufgaben, die es in sich schließt,
bisher ausführen konnte, der plan zu einer ...
(a3)
Tierpsychologie,

Otto W. :
in einem ganz anderen Sinne als bisher.

Jenes Tier, dessen Bedeutung
mir am klarsten wurde,
ist der Hund.

Hünd. :
der Hund.

Otto W. :
Ich weiß nicht ob der Hund
das Symbol des Verbrechers
überhaupt ist;
aber das Symbol eines Verbrechers ist er.

Das Auge des Hundes
ruft unwiderstehlich den Eindruck hervor,
daß der Hund etwas verloren habe:
es spricht aus ihm
(wie übrigens aus dem ganzen Wesen des Hundes)
eine gewisse rätselhafte Beziehung zur Vergangenheit.
Was er verloren hat, ist das Ich,
der Eigenwert, die Freiheit.

Scene 3

Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum Tode.
Monate bevor mir der Hund Problem geworden war,
saß ich eines Nachmittags gegen 5 Uhr
in einem Zimmer des Münchener Gasthofes,
in welchem ich abgestiegen war,
und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes.
Plötzlich

Hünd. :
Awoeeeeeh

Otto W. :
hörte ich einen Hund
in einer ganz eigentümlichen,
mir neuen,
durchdringenden Weise bellen,

(a3)
bellen

Otto W. :
und hatte im gleichen Momente
unwiderstehlich das Gefühl,
daß gerade im Augenblick
jemand sterbe.

Monate nachher hörte ich,
in der furchtbarsten Nacht meines Lebens,
da ich,

Hünd. :
ohne krank zu sein,

Otto W. :
buchstäblich mit dem Tode rang

a3 :
denn es gibt für größere Menschen
den seelischen Tod nicht ohne den physischen Tod,
weil bei ihnen Leben und Tod
am gewaltigsten und intensivsten
als Möglichkeiten sich gegenüberstehen,

Otto W. :
Einmal

Hünd. :
Awoeeeeeh

Otto W. :
Zweimal

Hünd. :
Awoeeeeeh

Otto W. :
Dreimal,

Hünd. :
Awoeeeeeh

Otto W. :
gerade als ich zu unterliegen dachte,
einen Hund in ähnlicher Weise bellen,
wie damals in München;
dieser Hund bellte die ganze Nacht;
aber in diesen drei Malen anders.
Ich bemerkte, daß ich in diesem Momente mit
den Zähnen mich ins Leintuch festbiß,

(a3)
eben wie ein Sterbender.


Scene 4

Otto W. :
Ähnliche Erlebnisse
müssen auch andere Menschen gehabt haben.
In der letzten Strophe von Heines bedeutendstem und schönstem Gedichte
"Die Wallfahrt nach Kevlaar", heißt es,
wie die vom Leben erlösende Mutter Gottes
dem Kranken sich naht:

Hünd. :
“Die Mutter schaut alles im Traume,
Und hat noch mehr geschaut;
Sie erwachte aus dem Schlummer,
(a3)
Die Hunde bellten so laut."

Otto W. :
Ich weiß nicht, ob der Zug bei Heine originell
oder der Volkssage entnommen ist.
Wenn ich nicht irre, spielt auch irgendwo bei Maeterlinck
der Hund eine ähnliche Rolle.

Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht
hatte ich mehrfach dieselbe Vision,
die Goethe, nach dem Faust zu schließen,
gehabt haben muß:
einigemale, wenn ich einen schwarzen Hund sah,
(a3)
schien mir ein Feuerschein ihn zu begleiten.

Scene 5

Otto W. :
Ausschlaggebend aber
ist das Bellen des Hundes:
die absolut verneinende Ausdrucksbewegung.
Sie beweist, daß der Hund
ein Symbol des Verbrechers ist.
Goethe hat dies, wenn es ihm auch vielleicht
nicht ganz klar geworden ist,
doch sehr deutlich empfunden.

Hünd. :
Der Teufel wählt bei ihm den Leib eines Hundes.

Otto W. :
Während Faust im Evangelium laut liest,
bellt der Hund immer heftiger:
(a3)
der Haß gegen Christus,
gegen das Gute und Wahre.

Otto W. :
Ich bin, wie ich bemerke, gar nicht von Goethe beeinflußt.
Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so groß,
daß ich mich an dem Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte
und nun zum ersten Male,
vielleicht als erster überhaupt,
ganz verstand.

Ich führe nun weiteres an:
Der Hund handelt,
als ob er die eigene Wertlosigkeit fühlen würde;

er läßt sich vom Menschen schlagen,
an den er sich gleich wieder herandrängt,
wie stets der böse Mensch an den guten.
Diese Zudringlichkeit des Hundes,
das Hinaufspringen am Menschen
(a3)
ist der Funktionalismus des Sklaven.

Otto W. :
In der Tat haben Menschen,
welche rasch für sich zu gewinnen suchen,
und doch zugleich so sich schützen gegen Angriffe,
Menschen, die man nicht abschütteln kann,
(a3)
Hundegesichter,
Hundeaugen.

Otto W. :
Hier erwähne ich zum ersten Male
jene große Bestätigung meines Gedankensystemes.
Es gibt wenige Menschen,
die nicht ein oder mehrere Tiergesichter haben;
und jene Tiere, denen sie ähneln,
gleichen ihnen auch im Benehmen.

Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem;
warum gibt es keine Furcht vor dem Pferde,
vor der Taube?

Sie ist Furcht vor dem Verbrecher.
Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde
(vielleicht dem bösartigsten) folgt,
ist das Feuer,
die Vernichtung,
die Strafe,
das Schicksal des Bösen.

Das Schweifwedeln des Hundes bedeutet,
das er jedes andere Ding als wertvoller anerkennt
als sich selbst.

Die Treue des Hundes,
welche so gerühmt wird,
und die viele den Hund
für ein moralisches Tier halten läßt,
kann mit Recht nur als Symbol
der Gemeinheit gefaßt werden:
der Sklavensinn
(a3)
das Zurückkehren nach den Schlägen
ist kein Vorzug.

Otto W. :
Die Hundswut ist ein sehr merkwürdiges Phänomen,
vielleicht der Epilepsie verwandt,
in welcher dem Menschen ebenfalls
Schaum aus dem Munde tritt.
Beide werden von der Hitze begünstigt.

Wenn der Hund nicht wedelt,
sondern den Schweif starr und gerade hält,
dann ist Gefahr, daß er beißt:
das ist die verbrecherische Tat,
alles andere, auch das Bellen,
nur Zeichen der bösen Gesinnung.

Hunde unter den Menschen in der Literatur
sind der "alte Ekdal" in Ibsens Wildente
und am großartigsten Minutte
in Knut Hamsuns Roman "Mysterien".
Viele sogenannte "alte Meister" repräsentieren den Hundetypus
unter den menschlichen Verbrechern.

Scene 6

Denn daß es noch andere Verbrecher gibt,
beweisen das Schwein, die Schlange.

Sehr bedeutsam ist auch das Schnüffeln des Hundes.
Hierin liegt nämlich Unfähigkeit zur Apperzeption.
Ganz wie der Hund,
so wird auch die Aufmerksamkeit des Verbrechers
durch einzelne Sachen ganz passiv angezogen,
ohne daß er weiß,
warum er sich ihnen nähert
oder sie berührt:
(a3)
er hat eben keine Freiheit mehr.

Otto W. :
Daß er auf die Wahl überhaupt verzichtet hat,
kommt auch in der Regellosigkeit der Kreuzung des Hundes
mit irgend welcher Hündin
zum Ausdruck.

(a3)
Diese wahllose Vermischung
ist vor allem eminent plebejisch,
und der Hund
ist der plebejische Verbrecher:
der Sklave.
(schiet Hündin I dood)

Otto W. :
Ich wiederhole nochmals:
es ist Blindheit, den Hund
als ethisches Symbol zu betrachten;
selbst R. Wagner soll einen Hund geliebt haben.
(schiet Hündin II neer)

Goethe scheint in diesem Punkte
tiefer geblickt zu haben.
Darwin erklärt das Wedeln des Hundes
als "Ableitung der Erregung"

Hünd.II : (met laatste krachten)
"Ausdruck der Gemütsbewegungen".

Otto W. : (geeft haar het genadeschot)
Es ist natürlich der Ausdruck
der ärgsten Gemeinheit,
der unterwürfigsten Devotion,
die auf jeden Fußtritt gefaßt ist
und um alles nur mehr bettelt.

Hünd. :
“Da lag dahingestrecket
Ihr Sohn, und der war tot;
Es spielt auf den bleichen Wangen
d
as lichte Morgenrot.”

Otto W. :
Der volkommen Verbrecher
kann als Mensch nicht leben,
denn der Mensch hat noch immer Möglichkeit zu sein,
so lang er lebt.

Der Mord ist eine Selbstrechtfertigung des Verbrechers;
er sucht sich durch ihn zu beweisen,
daß nichts ist.
Der Verbrecher
ist durchaus ohne Innenleben,
er ist wie tot;

man mordet zuerst sich selbst,
bevor man den anderen mordet.
(zet het pistool op zijn borst)

Hünd. : (gezongen in het donker, of bij kaarslicht)
“Die Mutter faltet die Hände,
Ihr war, sie wußte nicht wie;
Andächtig sang sie leise:
Gelobt seist du, Marie!”

EINDE

return to Homepage