Nonne Berta blieb bis 87 in ihrer Zelle
Der niederländische Komponist Rob Zuidam konnte 2010 erneut einen Opernerfolg verzeichnen. Nach Rage d’amours, einem positiv aufgenommenen Musikdrama über Johanna die Wahnsinnige, die keinen Abschied von ihrem verstorbenen Gatten nehmen konnte, präsentierte Rob Zuidam diesmal Suster Bertken, erneut eine Oper über eine nicht ganz normale Frau.
Die Oper handelt von der Nonne Berta Jacobs, die sich 1526 im Alter von 30 Jahren als Eremitin in einen Raum von nicht einmal 4 Mal 4 Metern an der Buurkerk von Utrecht einmauern ließ. Von ihrem Verließ hatte sie ausschließlich Ausblick auf den Altar und die dahinter gelegene Straße, von wo aus die Menschen sie als Gegenleistung für aufbauende Orakelsprüche mit Speisen und Getränken versorgten. In dieser selbst finanzierten Zelle widmete sich Schwester Berta, oder ‚suster Bertken‘ ausschließlich dem Gebet und der Kunst des Dichtens, wobei sie religiöse Erkenntnisse und Visionen offenbarte, die in völligem Gegensatz zu ihrem klaustrophobischen Alltagsleben standen. Sie verblieb bis zu ihrem 87. Lebensjahr in dieser Zelle und wurde dort auch nach ihrem Tod begraben.
Was Zuidam vor allem inspirierte war die bedingungslose Hingabe von Schwester Berta, oder besser gesagt, eine Liebe, die alles andere übertrifft. „Ick voele in my een vonkelkijn,“ (Ich fühle in mir einen kleinen Funken) singt sie im ersten Akt Die werelt (Die Welt), in dem aus diesem kleinen Funken ein großes, himmlisches Feuer entsteht, das sie nicht löschen kann oder gar nicht löschen will. Zuidam schreibt dazu verführerische Musik mit großer melodischer und harmonischer Kraft. Und es gelingt ihm tatsächlich, diese Kraft für die gesamte Dauer der Oper -über mehr als eine Stunde- aufrecht zu erhalten.
Herrlich ist auch der Teil Requiem aeternam, in dem sie offiziell und mit dem Segen des Priors vom weltlichen Leben Abschied nimmt. Hervorragend hier die Rolle des Bass-Baritons Hubert Claessens, der nicht nur die Partie des Priors singt, sondern auch mit viel Verve dazwischen die Tenorsaxofon-Phrasen zum Besten gibt.
Aber das allerschönste ist doch der folgende Teil, Mi quam een schoon geluit (Mir kam ein schöner Ton), in dem die Sopranistin Katrien Baerts in der Rolle der Berta mit ganz zart und doch sehr eindringlich gesungenen Zeilen, die vollständig in die feinen, äußerst transparenten Ensemble-Klänge eingebettet sind, die Herzen berührt. Überirdische Engelsklänge ‚aus einer anderen Welt‘. Berta halluzinierte natürlich schlichtweg in ihrer einsamen Zelle, aber Zuidam gelingt es, diesen Trip außergewöhnlich schön musikalisch umzusetzen.
Auch in Hemelsche opcliminghe (Himmlische Erklimmung) stiehlt Katrien Baerts die Show, jetzt mit einem vollen, offenen Sopranton.
AskoǀSchönberg sorgt dabei unter der Leitung von Reinbert de Leeuw für eine exemplarische Ausführung, von der man hofft, dass sie den richtigen Leuten zu Ohren kommt, damit die Karriere von Zuidam auch international weiter in Gang kommt. Denn inzwischen ist doch deutlich geworden, dass wir in ihm einen hochwertigen Opernkomponisten haben, vor dem es – wenn man die vergangenen Jahrhunderte schnell überschaut – nicht so sehr viele gegeben hat, um ein Understatement zu gebrauchen.
Was ist dann das Geheimnis von Zuidams Musik? Zunächst die warmblütige Menschlichkeit, die in ohrschmeichelnde Harmonien und ansprechende Melodien mit einer unverkennbar tonalen Komponente eingebettet sind. Aber ausgetretene Pfade werden von Zuidam nirgendwo betreten. Olivier Messiaen und (vor allem) Claude Vivier sind nie weit entfernt, aber es sind schlechtere Einflüsse denkbar, und darüber hinaus verleiht Zuidam dem Ganzen eine wirklich eigene Note.
Phantastische Oper.
Erik Voermans


              

      

 


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